Wissenschaftler*innen gehen heute aufgrund vorliegender Studien davon aus, dass Übergewicht an der Entstehung von rund zehn Prozent der Darmkrebserkrankungen beteiligt ist. Epidemiologe am Deutschen Krebsforschungszentrum ( DKFZ) vermuteten jedoch seit langem, dass diese Schätzung zu niedrig ist. Sie haben deshalb die Datenihrer großen DACHS Studie, einer der weltweit größten Darmkrebs-Studien, noch einmal unter die Lupe genommen – mit Blick auf mögliche Verzerrungen, die in anderen Studien nicht ausreichend berücksichtigt wurden.
Alles auf dem Schirm?
Gemeint sind Verzerrungen von Studienergebnissen, die durch methodische Unschärfen entstehen können. Selbst bei guten Studien sind solche Unschärfen nicht hundertprozentig auszuschließen. Verzerrungen können einerseits dadurch zustande kommen, dass man den Parameter, dessen Einfluss in der Studie geprüft werden soll, nicht exakt genug definiert. Das betrifft in diesem Fall das Übergewicht. Andererseits gibt es oft Störeinflüsse, die mit den Studien-Parametern verknüpft sind. Beide Fehlerquellen sollten durch das Studiendesign und die statistische Aufbereitung der gewonnenen Daten weitestgehend minimiert werden.
Das jedoch war in bisherigen epidemiologischen Studien oft nur unzureichend der Fall. Wie Marko Mandic, Erstautor der DKFZ-Studie, erläutert, hat man bislang bei Standardanalysen drei relevante Fragen nicht ausreichend berücksichtigt:
- Haben Studienteilnehmer*innen als Folge der Krebserkrankung womöglich schon vor der Diagnose abgenommen? Gewichtsverlust vor der Diagnose kommt bei Darmkrebspatienten häufig vor. Frühere Studien zum BMI und dem Auftreten von Darmkrebs haben daher wahrscheinlich das Ausmaß des Zusammenhangs unterschätzt.
- Haben Studienteilnehmer*innen mit erhöhtem Risiko schon einmal eine Darmspiegelung durchführen lassen? Entdeckt der Arzt bei dieser Untersuchung Krebsvorstufen, so werden diese in aller Regel entfernt, was die Wahrscheinlichkeit für Darmkrebs senkt.
- Steigt das Darmkrebs-Risiko vielleicht schon unterhalb eines Body Mass Index (BMI) von 25 kg/m2, dem „offiziellen” Schwellenwert für Übergewicht, an? Da als biologischer Mechanismus hinter der Entwicklung von Darmkrebs die kontinuierliche Freisetzung von Wachstumsfaktoren, Hormonen und entzündungsfördernden Substanzen durch das Fettgewebe vermutet wird, ist es möglich, dass bei Personen mit einem BMI unter dem Grenzwert das Darmkrebsrisiko bereits steigt.
Gewichtiger Risikofaktor
Nur wer die richtigen Fragen stellt, kann die richtigen Antworten bekommen. Deshalb führten die DKFZ-Forschenden zwei verschiedene Analysen des DACHS-Datenpools durch. „Im ersten Durchlauf sind wir so vorgegangen, wie es in bisherigen epidemiologischen Studien üblich war”, berichtet Marko Mandic. „Im zweiten Durchlauf dagegen haben wir mögliche Verzerrungen durch die drei Aspekte – Gewichtsverlust vor Diagnose, Darmspieglung im Vorfeld und Risikoanstieg bereits bei einem BMI unter 25 – sorgfältig herausgerechnet.”
Bei der konventionellen Analyse im ersten Durchlauf kam heraus: 11,5 % der Darmkrebserkrankungen gehen auf das Konto von Übergewicht, was landläufigen Schätzungen entspricht. Im zweiten Durchlauf – nach den sorgfältigen ergänzenden Korrekturen – stieg das Gewicht dieses Risikofaktors auf 23,4 %.
Großes Potenzial für Prävention
Ihre Ergebnisse würden nahe legen, dass das Übergewicht einen zirka doppelt so großen Anteil an der Darmkrebsentstehung hat als bislang angenommen., so die Forschenden. Sie gehen davon aus, dass die Bedeutung des Übergewichts als Risikofaktor nicht nur mit Blick auf Darmkrebs bislang massiv unterschätzt wurde. Übergewicht gilt auch als gesicherter Risikofaktor für andere Krebsarten wie zum Beispiel Brustkrebs. Angesichts der steigenden Zahlen von Übergewicht in der Bevölkerung unterstreichen die Wissenschaftler*innen die Notwendigkeit effektiver Präventionsstrategien.
Die DACHS-Studie ist eine bevölkerungsbasierte Fall-Kontroll-Studie. Die aktuelle Analyse basiert auf Daten von 7.098 Männern und Frauen mit Darmkrebs sowie 5.757 nicht erkrankten Kontrollpersonen vergleichbaren Alters und Geschlechts. Auch die Wohnorte stimmen weitgehend überein. Von allen Studienteilnehmer*innen wurden umfangreiche Informationen zu potenziellen Darmkrebs-Risikofaktoren einschließlich des Körpergewichts in verschiedenen Lebensphasen erhoben.
Originalpublikation
Mandic M, Safizadeh F, Hoffmeister M, Brenner H. Overcoming underestimation of the share of colorectal cancer cases attributable to excess weight: a population-based study. Obesity (Silver Spring). 2025 Jan;33(1):156-163. doi: 10.1002/oby.24164.
Quelle: Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ)
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