Die neuen Hypertonie-Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) nehmen die Gefahren von leicht bis moderat erhöhten Blutdruckwerten in den Blick und unterstreichen deutlicher als alle anderen Hypertonie-Leitlinien zuvor die Notwendigkeit einer frühen und strikteren Intervention. Das zeigt sich bereits in ihrem Titel. Lautete dieser bisher „Leitlinien zur Behandlung von arterieller Hypertonie“, sind es nun die „Leitlinien zur Behandlung von erhöhtem Blutdruck und Hypertonie“. Damit wird klar, dass nicht erst eine manifeste Bluthochdruckerkrankung (arterielle Hypertonie), die auch in dieser Leitlinie mit einem Schwellenwert von ≥140/90 mmHg definiert wird, diagnose- und therapiewürdig erscheint, sondern bereits Vorstadien.
Die neuen ESC-Leitlinien empfehlen ein differenziertes Vorgehen, um abzuklären, ob die Patientin/der Patient vielleicht nicht doch schon einer blutdrucksenkenden medikamentösen Therapie bedarf.
Bei Personen mit erhöhtem Blutdruck wird zunächst eine dreimonatige Behandlung mit Lebensstilmaßnahmen empfohlen, bevor eine medikamentöse Behandlung in Betracht gezogen wird. Nach einer dreimonatigen Lebensstilintervention wird bei Erwachsenen mit erhöhtem Blutdruck und ausreichend hohem kardiovaskulärem Risiko (≥10 % über 10 Jahre) eine Blutdrucksenkung durch eine pharmakologische Behandlung empfohlen, um das Herz-Kreislauf-Risiko zu senken, wenn der Blutdruck ≥130/80 mmHg beträgt. Dafür gibt es spezielle Punktescores, die anhand von Fragebögen errechnet werden und das Risiko beziffern. Beide bilden die Basis eines Online-Score-Rechners, der auch in deutscher Sprache zur Verfügung steht.
Die Empfehlung der Leitlinie lautet: Beträgt das Risiko ≥10 %, ist eine blutdrucksenkende Therapie vor allem ab 130–139 mmHg notwendig. Liegt das Risiko unter 5 %, ist keine Therapie erforderlich. Bei Menschen, deren Risiko zwischen 5 und 10 % liegt, wird eine weitere diagnostische Stufe angeschlossen.
Hier soll abgefragt werden, ob etablierte Risikofaktoren vorliegen: Damit sind vor allem kardiovaskuläre oder renale Vorerkrankungen gemeint. Wer z. B. bereits einen Schlaganfall hatte, bedarf auch bei Blutdruckwerten vor allem ab 130–139 mmHg einer blutdrucksenkenden Therapie.
Da es immer mehr Belege dafür gibt, dass das biologische Geschlecht und das soziokulturelle Geschlecht die Hypertonie beeinflussen, wurde das Thema „Geschlecht und Gender“ als integraler Bestandteil des gesamten Dokuments aufgenommen. Darüber sollen weitere Risikofaktoren wie Ethnizität, Familiengeschichte für kardiovaskuläre Ereignisse, Autoimmunerkrankungen, HIV oder auch schwere geistige Erkrankungen sowie Schwangerschaftsdiabetes, Schwangerschaftshypertonie, Präeklampsie, Frühgeburten oder Fehlgeburten in der Vorgeschichte berücksichtigt werden.
Neuerungen gibt es auch zu Ernährungsempfehlungen: So sollten alle Erwachsenen mit erhöhtem Blutdruck oder Hypertonie die tägliche Natriumaufnahme auf maximal 2 g beschränken, was 5 g (knapp ein Teelöffel) Kochsalz pro Tag entspricht. Die Kaliumaufnahme über Obst und Gemüse (etwa Trockenobst, Sojabohnen, grünes Gemüse, Feldsalat und Bananen) und eventuell über kaliumangereichertes Speisesalz sollte um 0,5 bis 1 g pro Tag erhöht werden, wenn keine Nierenerkrankungen vorliegen. Es sei sinnvoll, einer ausgewogenen Ernährungsform wie der Mittelmeerdiät oder DASH-Diät zu folgen. Weiterhin wird empfohlen, den Konsum von zuckergesüßten Getränken und Alkohol möglichst zu reduzieren.
Die Empfehlungen sehen auch vor, dass Betroffene auf das Rauchen verzichten sollen und die körperliche Aktivität steigern, um den Blutdruck zu senken. Empfohlen werden mehr als 150 Minuten pro Woche moderate sportliche Aktivität (30 Minuten an fünf bis sieben Tagen pro Woche) oder 75 Minuten hochintensives Training verteilt auf drei Tage pro Woche.
Leitlinie: https://academic.oup.com/eurheartj/advance-article/doi/10.1093/eurheartj/ehae178/7741010?login=false
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