Präventionsmaßnahmen: Deutschland auf letzten Rängen

08.12.2025 - Deutschland gehört einer Untersuchung des AOK-Bundesverbands und des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) zufolge zu den Ländern, in denen besonders wenig wissenschaftlich empfohlene Präventionsmaßnahmen umgesetzt sind.

Mann lehnt das Angebot einer Zigarette ab
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Der AOK-Bundesverband und das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) haben erstmals ein umfassendes Ranking zum Umsetzungsstand wissenschaftlich empfohlener Präventionsmaßnahmen veröffentlicht. Im neuen Public Health Index (PHI), der künftig alle zwei Jahre aktualisiert werden soll, belegt Deutschland Rang 17 von 18 untersuchten Staaten in Nord- und Zentraleuropa. In der Einzelbetrachtung der vier untersuchten Handlungsfelder landet Deutschland bei Tabak, Alkohol und Ernährung jeweils auf den hinteren Rängen, bei Bewegung im unteren Mittelfeld.

Am besten schneiden Großbritannien, Finnland und Irland ab. Diese Länder erreichen die höchsten Punktzahlen im PHI, dicht gefolgt von Norwegen und Frankreich. Demnach setzten die Spitzenreiter besonders viele der wissenschaftlich empfohlenen Maßnahmen zur Förderung gesunder Lebensweisen um, zum Beispiel Mindeststandards für Schulessen, eine gesundheitsorientierte Besteuerung sowie umfassenden Kinderschutz etwa durch Einschränkungen von Werbung und Verfügbarkeit gesundheitsschädliche Konsumgüter. Schlusslicht bildet der gesamte DACH-Raum mit Deutschland, Österreich und der Schweiz, der insgesamt besonders wenige der wirksamen Präventionsmaßnahmen ergreift.

Die Spitzenreiter zeichnet aus, dass sie Rauchen und Alkoholkonsum möglichst unattraktiv machen, unter anderem durch Ausweitung rauchfreier Umgebungen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen, höhere Preise, Beschränkungen der zeitlichen und örtlichen Verfügbarkeit und weitreichende Werbeeinschränkungen. Im Bereich Ernährung setzen die Spitzenreiter auf Maßnahmen, die insbesondere Kinder und Jugendlichen eine gesunde Wahl von Speisen und Getränken erleichtern. Dazu gehören Hersteller-Abgaben für gezuckerte Softdrinks, gesunde Ernährungsumgebungen in Schulen oder auch Werbeeinschränkungen für Ungesundes. Auf dem Feld Bewegung ist es schwieriger, Maßnahmen abzuleiten, hier geht es vor allem darum, eine bewegungsförderliche und auch für Kinder sichere Infrastruktur und das Vorhandensein von Programmen zur Bewegungsförderung in Schulen oder am Arbeitsplatz zu schaffen.

DACH-Länder durchweg auf den hinteren Rängen

Auffälligstes Ergebnis ist das schlechte Abschneiden des DACH-Raums. In diesen Ländern werden dem PHI zufolge besonders wenige der wissenschaftlichen Empfehlungen aufgegriffen. Daher schaffen es diese Länder in keinem Handlungsfeld in das obere Mittelfeld und belegen durchweg die hinteren Ränge. Ungenutzte Präventionspotenziale liegen vor allem in Maßnahmen zur Förderung gesunder Ernährung sowie zur Eindämmung des Konsums von Tabak und Alkohol. In Großbritannien, Irland und im skandinavischen Raum ist die Präventionspolitik dagegen stärker an den Empfehlungen der WHO zur Eindämmung übertragbarer Krankheiten ausgerichtet.

Einige Länder erreichen im Gesamtranking oder in einzelnen Handlungsfeldern gute bis sehr gute Platzierungen, obwohl sie eine vergleichsweise niedrige Lebenserwartung aufweisen, beispielsweise Großbritannien oder Litauen. Das wissenschaftliche Autorenteam weist darauf hin, dass dies kein Widerspruch sei, da dort die hohe Krankheitslast durch chronische Erkrankungen gerade der Anlass für Regierungen gewesen sei, umfassende Maßnahmen zu beschließen.

Autor*innen kritisieren mangelnden politischen Willen in Deutschland

Die Autor*innen des PHI kritisieren die zögerliche Haltung Deutschlands und den mangelnden politischen Willen zum Umsteuern. Obwohl es für viele der diskutierten Public-Health-Maßnahmen breite gesellschaftliche Mehrheiten gebe, die wissenschaftliche Evidenz für deren Wirksamkeit vorliege und ein hoher Finanzierungsdruck auf den sozialen Sicherungssystemen laste, sei die Verhältnisprävention hierzulande unzureichend und wenig ambitioniert.

Um auf der europäischen Best-Practices-Skala aufzuholen, sprechen sich die Expert*innen für eine umfassende Präventionspolitik in Deutschland entlang der WHO-Empfehlungen aus. Da die Steigerung der Produktivität und die Stabilisierung der Kranken- und Pflegeversicherung parteiübergreifend hohe Priorität habe, müsse die Senkung der Krankheitslast stärker adressiert werden. Hier lägen ungenutzte Potenziale in Milliardenhöhe. Die volkswirtschaftlichen Kosten des Tabakkonsums in Deutschland werden auf 97 Milliarden Euro geschätzt, die Kosten von Adipositas und Alkoholkonsum auf rund 63 bzw. 57 Milliarden Euro.

Hier finden Sie den gesamten Public Health Index: www.aok.de/pp/public-health/index

Quelle Mitteilung des Deutschen Krebsforschungszentrums