Die Zahl 200 geht auf eine US-amerikanische Untersuchung aus dem Jahr 2007 zurück. Die 154 Teilnehmenden sollten einschätzen, wie viele Entscheidungen sie täglich über Essen und Trinken treffen. Der Durchschnitt lag bei 14 Entscheidungen. Des Weiteren sollten sie die Zahl der Entscheidungen bezüglich weiterer Faktoren einer Mahlzeit angeben, beispielsweise „wann“, „was“, „wie viel“, „wo“, „mit wem“. Multipliziert mit der protokollierten Anzahl der Mahlzeiten und Getränke ergab sich ein Mittelwert von 226 Entscheidungen pro Tag. Die immense Differenz zwischen 14 und 226 Entscheidungen wurden als „unbewusste“ oder „gedankenlose“ Entscheidungen interpretiert.
Die Forschenden des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung stellen diese Schlussfolgerung nun infrage. Sie führen die hohe Anzahl der geschätzten Entscheidungen auf den sogenannten Subadditivitäts-Effekt zurück. Demnach geben Menschen tendenziell höhere Häufigkeiten an, wenn sie einzelne Aspekte einer Frage separat einschätzen sollen. Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass die hohe Zahl an „unbewussten“ Ess-Entscheidungen keine empirische Realität widerspiegelt.
„Diese Zahl vermittelt ein verzerrtes Bild davon, wie Menschen Entscheidungen über ihre Nahrungsaufnahme treffen und wie viel Kontrolle sie darüber haben“, sagt Maria Almudena Claassen vom Forschungsteam. „Vereinfachte Botschaften wie diese lenken davon ab, dass Menschen durchaus in der Lage sind, bewusste und fundierte Entscheidungen in Bezug auf ihr Essen zu treffen.“
Wie lassen sich also Ess-Entscheidungen besser untersuchen? Die Forschenden plädieren dafür, solche Entscheidungen konkret und im jeweiligen Kontext zu betrachten: Was wird gegessen? Wie viel? Was wird vermieden? Wann? In welchem sozialen oder emotionalen Kontext? Entscheidungen über Essen sind nur im jeweiligen situativen Zusammenhang verständlich. Um ein realistisches Bild von Alltagsentscheidungen rund ums Essen zu gewinnen, sei eine Kombination aus qualitativen Beobachtungen, digitalen Tracking-Tools, Tagebuchstudien und interkultureller Forschung sinnvoll.
Zahlen wie die angeblichen 200 Ess-Entscheidungen am Tag sind nach Ansicht der Forschenden problematisch, da sie den Eindruck entstehen lassen, das eigene Essverhalten nicht selbst bestimmen zu können.
Quellen:
- Heike Kreutz, bzfe.de
- Max-Planck-Institut für Bildungsforschung: Der Mythos von 200 täglichen Ess-Entscheidungen
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