Zuckerkonsum in den ersten 1000 Tagen beeinflusst Gesundheit im Erwachsenenalter

04.11.2024 - Die Rationierung von Zucker in den ersten Lebensmonaten nach Zeugung senkt das Risiko für Typ-2-Diabetes und Bluthochdruck und verzögert den Ausbruch der Krankheiten um vier beziehungsweise zwei Jahre. Ein geringerer Zuckerkonsum während der Schwangerschaft wäre allein für etwa ein Drittel der Risikoreduktion für das sich entwickelnde Kind verantwortlich.

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Eine kürzlich veröffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass der Zuckerkonsum in den ersten 1000 Tagen eines Kindes – während der Schwangerschaft und in den ersten beiden Lebensjahren – einen entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit hat. Wenn der Zuckerkonsum in dieser Zeit begrenzt wird, sinkt das Risiko, später an Typ-2-Diabetes zu erkranken, um 35 Prozent. Zudem können die Risiken für Adipositas um 30 Prozent und für Bluthochdruck um 20 Prozent reduziert werden.

Die Studie wurde von drei Ökonomen aus den USA und Kanada durchgeführt, die für ihre Analyse quasi-experimentelle Daten aus dem Ende der Zuckerrationierung Anfang der 1950er-Jahre im Vereinigten Königreich nutzten. Als der Zucker nach dem zweiten Weltkrieg rationiert wurde, konsumierten die Menschen durchschnittlich bis zu 40 Gramm freien zugesetzten Zucker pro Tag. Diese Menge entspricht in etwa der aktuellen Ernährungsempfehlung der WHO von höchstens 50 Gramm freiem Zucker pro Tag [1]. Nach Aufhebung der Rationierung stieg der Zuckerkonsum der britischen Bevölkerung drastisch an und verdoppelte sich fast schlagartig. Die Forschenden untersuchten die Gesundheitsdaten der UK Biobank von 60.183 Erwachsenen, die wenige Jahre vor bis wenige Jahre nach dem Ende der Rationierung gezeugt wurden (Oktober 1951 bis März 1956). Für die Auswertung konzentrierten sie sich auf den Einfluss von Zucker während der ersten 1000 Tage ab Zeugung des Kindes: die Entwicklung des Fötus in der Schwangerschaft sowie die ersten 24 Lebensmonate. Durch die nahezu schlagartige Änderung im Zuckerkonsum der Bevölkerung konnten sie auch Personen untersuchen, deren Zeugung noch zu Zeiten der Zuckerrationierung stattfand, diese aber als Kleinkind bereits höheren Mengen an Zucker ausgesetzt waren. Die Auswertung ergab, dass die Rationierung in den ersten 1000 Tagen das langfristige Diabetesrisiko um etwa 35 und das Bluthochdruckrisiko um etwa 20 Prozent senkte.

Bemerkenswert ist, dass Personen, die kurz nach dem Ende der Zuckerrationierung gezeugt wurden (und die daher bereits im Mutterleib einer höheren Zuckerzufuhr ausgesetzt waren) auch im höheren Erwachsenenalter immer noch deutlich mehr Zucker verzehrten als Menschen, die kurz vor Ende der Zuckerrationierung geboren wurden. Dies deutet darauf hin, dass die Vorliebe für Süßes schon im Mutterleib und der frühen Kindheit geprägt wird, und dann ein Leben lang Bestand hat. Dies unterstreicht die Bedeutung einer ausgewogenen Ernährung in Schwangerschaft und Kindheit.

Das Problem ist: Der tatsächlich Zuckerkonsum in Deutschland ist im Durchschnitt fast doppelt so hoch wie empfohlen, unter Erwachsenen ebenso wie unter Kindern. Der tatsächliche Zuckerkonsum in Deutschland liegt laut der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung bei 33,2 Kilogramm pro Kopf und pro Jahr [2]. Das entspricht ungefähr 91 Gramm pro Tag. Dementsprechend konsumieren die Menschen und vermutlich auch Schwangere in Deutschland deutlich mehr Zucker als von der WHO empfohlen. Weniger Zucker zu konsumieren kann aber nicht nur individuell, sondern auch gesundheitspolitisch adressiert werden: Eine wirksame Maßnahme ist zum Beispiel eine Zuckersteuer, die bereits in über 40 Ländern eingeführt wurde und von Forschenden auch für Deutschland befürwortet wird [3]. Andere Maßnahmen wären zum Beispiel Kennzeichnungen auf Lebensmittelverpackungen wie der Nutri-Score, Anpassungen des Lebensmittelangebots in öffentlichen Einrichtungen, die Veränderung von Lebensmittelrezepturen und die Einschränkung von Werbung für zuckerreiche Lebensmittel für Kinder [4].

Barbara Bitzer, Sprecherin der Deutschen Allianz für Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) und Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), äußert sich anlässlich der Veröffentlichung der Studie: „Die Ergebnisse sind alarmierend und verdeutlichen die Dringlichkeit des politischen Handelns. Wir brauchen ein Umfeld, das es allen Menschen in Deutschland ermöglicht, sich gesund zu ernähren, ganz besonders während der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren. Die Politik ist in der Pflicht, endlich gesetzliche Regelungen einzuführen, die die gesunde Wahl zur einfachen Wahl macht.

Freiwillige Maßnahmen der Industrie sind krachend gescheitert, die Nationale Reduktionsstrategie bleibt hinter den selbstgesteckten Zielen zurück und Appelle an die Eigenverantwortung allein reichen nicht aus, um den besorgniserregenden Anstieg von Übergewicht und den damit verbundenen Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Bevölkerung zu stoppen. Dringend notwendig sind verbindliche Beschränkungen der Werbung für ungesunde Lebensmittel, wenn sie sich an Kinder richtet sowie die Einführung einer Herstellerabgabe auf stark zuckerhaltige Getränke und eine steuerliche Entlastung gesunder Lebensmittel. „

Verwendete Quellen
  1. World Health Organization (2020): Healthy diet.
  2. Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (2024): Bericht zur Markt- und Versorgungslage Zucker – 2024.
  3. Heilmann A et al. (2021): Reduzierung des Zuckerkonsums für eine bessere Mundgesundheit – Welche Strategien sind Erfolg versprechend?. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz. DOI: 10.1007/s00103-021-03349-2.
  4. Bucher Della Torre S et al. (2019): Grundlagenpapier Zucker Grundlagenpapier betreffend Ausrichtung der Aktivitäten zur Reduktion des Zuckerkonsums in der Schweiz. Grundlagenpapier des Schweizer Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV.
Originalpublikation

Gracner T et al. (2024): Exposure to sugar rationing in the first 1000 days of life protected against chronic disease. Science 2024 Oct 31: eadn5421. doi: 10.1126/science.adn542. DOI: 10.1126/science.adn5421.

Quellen: Science Media Center Germany, Oktober 2024 und der Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK), November 2024

Weitere Informationen und Stellungnahmen zur Studie: https://www.sciencemediacenter.de/angebote/wenig-zucker-in-den-ersten-1000-lebenstagen-schuetzt-vor-chronischen-krankheiten-24155