„AD(H)S“ (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom bzw. Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung)

ADHS
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Schon wieder ein Anruf aus dem Kindergarten. Und schon wieder hat es Probleme mit Lasses Verhalten gegeben. Beim Billy-Biber-Spiel wollte er einfach nicht am Tisch sitzen bleiben, ist immer wieder aufgesprungen und hat die Hölzchen rumgeschmissen. Die Spielregeln haben ihn gar nicht interessiert. Er hat nicht mal richtig zugehört, auch nicht bei den vielen Ermahnungen. Und als die anderen Kinder ihn nicht mehr mitmachen lassen wollten, ist er richtig wütend geworden. So allmählich wissen die Erzieherinnen auch nicht mehr, was sie machen sollen. Warum ist Lasse nur so unkontrollierbar?

Was ist AD(H)S?

Auch wenn AD(H)S fast immer im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen diagnostiziert wird - auch im Erwachsenenalter können die Symptome noch vorliegen. Gemeinsam ist beiden Gruppen die große Schwierigkeit, sich länger auf eine Sache zu konzentrieren, sich nicht ablenken zu lassen und geduldig bei der Sache zu bleiben. So kommt es häufig zu Problemen in Kindergarten und Schule, später auch in Ausbildung und Beruf. Darüber hinaus haben Menschen mit ADHS vielfach große Probleme, ihre Gefühle zu kontrollieren, sind schneller frustriert und neigen zu Reizbarkeit und Wutausbrüchen.

Erwachsene Betroffene kennen die Symptomatik meistens schon aus ihrer Kindheit, galten z. B. als „Zappelphilipp“. ADHS ist bei Erwachsenen schwerer zu erkennen als bei Kindern. Mit zunehmendem Alter rückt die Hyperaktivität häufig in den Hintergrund, das eigene Verhalten kann besser kontrolliert und reflektiert werden.

Was bleibt, sind dann oft Nervosität, innere Unruhe, Konzentrations- oder Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Probleme in der Organisation des Alltags (Unpünktlichkeit, Vergesslichkeit, Zerstreutheit) etc. Alle diese Symptome von AD(H)S im Erwachsenenalter können jedoch auch Zeichen einer anderen psychischen Erkrankung sein (s.u.) und sollten sorgfältig abgeklärt werden.

Auch bei Kindern stellt sich die Frage: Was genau ist das Problem? Hinter der Diagnose AD(H)S steht nicht selten eine Überforderungssituation des Kindes, z. B. durch zu frühe Einschulung, Reizüberflutung (Computerspiele), koffeinhaltige Getränke (Cola, Mezzo Mix), unzureichende Schlafdauer u. a. Auch der übermäßige Konsum von stark zucker- oder phosphathaltigen Nahrungsmitteln wie Süßigkeiten oder Fast Food stehen im Verdacht, die Hyperaktivität noch zu fördern.

Ursachen

AD(H)S bei Kindern ist nicht das Ergebnis "schlechter Erziehung", und auch Erwachsene sind nicht „selber schuld“. Die Ursachen sind vielmehr noch nicht vollständig geklärt, es wird davon ausgegangen, dass sowohl genetische als auch psychosoziale Faktoren eine Rolle spielen.

Als nachgewiesen gilt eine erbliche Komponente, aber auch Geburts- und Schwangerschaftskomplikationen sowie Alkoholkonsum und Rauchen der Mutter während der Schwangerschaft und Überforderungssituationen (z. B. durch zu frühe Einschulung) werden diskutiert. Psychische Erkrankungen der Eltern oder Spannungen in der Familie und im sozialen Umfeld gelten zwar nicht als Ursache von ADHS, sie können jedoch bei einer bereits bestehenden Veranlagung auslösend oder verstärkend wirken.

Auch Reizüberflutung durch Computer, Fernsehen, Lärm oder Verkehrschaos sind für die Betroffenen, die eigentlich ein einschätzbares, ruhiges und störungsfreies Umfeld benötigen, schwer zu kompensieren.

Im Übrigen kann AD(H)S auch mit positiven Eigenschaften und Aspekten in Verbindung gebracht werden: mit der Fähigkeit, Zusammenhänge schnell zu erfassen, mutig, spontan und flexibel zu reagieren, mit Kreativität, Erfindungsreichtum und Einsatzbereitschaft. Für Menschen mit ADHS kann es deshalb sehr hilfreich sein, wenn sie die Gelegenheit bekommen, ihre besonderen Fähigkeiten an den richtigen Stellen einsetzen zu können.

Konventionelle Behandlung

Da die Ursachen des AD(H)S nicht vollständig geklärt sind, ist auch eine ursächliche Therapie bisher nicht möglich. Behandelt werden vor allem die Symptome, zunächst mit psychologischen, heilpädagogischen und verhaltenstherapeutischen Maßnahmen, gegebenenfalls auch mit Medikamenten. Da diese Medikamente den Neurotransmitterstoffwechsel im Gehirn beeinflussen, wird ihr Einsatz kontrovers diskutiert und sollte immer individuell differenziert werden.

Was können Heilpraktiker für Sie tun?

Die Herausforderung bei der Behandlung von AD(H)S sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen besteht darin, je nach Schwergrad der Symptomatik zu entscheiden, was tatsächlich wie behandlungsbedürftig ist und was nicht. Vielleicht ist ein Kind ja auch einfach nur besonders lebhaft, unkonzentriert und verträumt oder fordert durch entsprechendes Verhalten ihre oder seine Umwelt heraus. Insbesondere bei Erwachsenen müssen differentialdiagnostisch auch  z.B. manisch-depressiven Erkrankungen, Schizophrenie, ein hormonelles Ungleichgewicht, Schilddrüsenerkrankungen, Burn-Out u. a. sorgfältig abgeklärt werden. Deshalb bedarf die Diagnose AD(H)S einer sehr umfassenden und gründlichen Diagnostik.

So kann es in einigen Fällen sinnvoll sein, herauszufinden, ob Unruhe oder Konzentrationsstörungen z.B. Zeichen einer Nahrungsmittelunverträglichkeit sein könnten und die Ernährungsgewohnheiten zu analysieren. Einen Zusammenhang zwischen einem schwankenden Blutzuckerspiegel (der Unruhe und Konzentrationsstörungen mit verursachen kann) oder einer übermäßigen Zufuhr von Zucker oder Phosphaten wird vermutet, muss aber im Einzelfall abgeklärt werden. Eventuell wird Ihre Heilpraktikerin oder Ihr Heilpraktiker auch eine Stuhlanalyse veranlassen, um dann ggf. die Darmflora zu sanieren, da auch eine gestörte Darmflora mit psychischen Irritationen oder Erkrankungen in Verbindung stehen kann. Nach einer solchen Diagnostik ist z. B. der Einsatz von Mikronährstoffen (z.B. Omega-3-Fettsäuren) eine therapeutische Möglichkeit. Des Weiteren in Frage kommen kann auch die Unterstützung des Nervensystems oder des Gehirnstoffwechsels, z. B. mit homöopathischen oder spagyrischen Arzneimitteln. Die Phytotherapie wiederum bietet z. B. individuell zusammengestellte Rezepte für konzentrationsfördernde oder beruhigende Tees, Tropfen u.a.

Lavendelfeld - Lavendel hilft bei Unruhe und Schlafstörungen
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Alle diese Möglichkeiten stehen hier jedoch nur beispielhaft für die vielen Methoden, die Ihrer Heilpraktikerin oder Ihrem Heilpraktiker zur Verfügung stehen. Die richtige Auswahl ist ein individueller Prozess, der Sie als Person mit Ihren persönlichen Voraussetzungen und Wünschen in die Therapie mit einbezieht. Ein solcher ganzheitlicher Ansatz sieht den Menschen als Einheit aus Körper, Geist und Seele. Alle diese seine Teile sind miteinander verbunden, stehen miteinander in Kommunikation und wollen im Sinne einer umfassenden Behandlung gesehen werden.

Deshalb wird Ihre Heilpraktikerin oder Ihr Heilpraktiker auch seelischen oder umweltbedingten Ursachen Aufmerksamkeit schenken. Leistungsdruck, Bewegungsmangel, Reizüberflutung, Über- oder Unterforderung, Konflikte in der Familie, Schule oder am Arbeitsplatz – all das kann ebenfalls eine Rolle spielen und sollte mit bedacht werden. Ihr Heilpraktikerin oder Ihr Heilpraktiker nimmt sich besonders viel Zeit, um im ausführlichen Gespräch mögliche Gründe für Ihre Symptomatik oder die Ihres Kindes zu finden. Oft sind es Kleinigkeiten, die erst Außenstehenden auffallen und die dann eine unerwartete Wirkung erzielen. Im Sinne einer ganzheitlichen Ausrichtung werden alle beeinflussenden Aspekte beleuchtet, um darauf basierend ein individuelles Therapiekonzept zu erstellen.

Ziel dabei ist ein „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“. Die Behandlung sollte immer möglichst gut zum Betroffenen passen – in leichten Fällen kann es manchmal schon genügen, unter Anleitung etwas "Ordnung" in den Alltag zu bringen und die eigene Lebens- und Arbeitssituation zu überdenken und besser zu strukturieren. Dafür bieten die Naturheilkunde und die komplementäre Medizin über die bereits genannten Verfahren hinaus weitere an, die auch in Kombination miteinander hilfreich sein können. So z. B. (alphabetisch):

Wenn Sie den Verdacht haben, an AD(H)S zu leiden oder sich diesbezüglich Sorgen um Ihr Kind machen, sprechen Sie vertrauensvoll mit Ihrer Heilpraktikerin oder Ihrem Heilpraktiker – sie nehmen sich für Sie Zeit. Sollten Sie sich besonders für bestimmte Therapien interessieren, hilft Ihnen die BDH-Therapeutensuche dabei, eine Praxis in Ihrer Nähe zu finden.

Was können Sie selber tun?

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Egal, ob als Kind oder als Erwachsener – es gibt einige Dinge, die Sie tun können, um das AD(H)S positiv zu beeinflussen. Dazu zählen in erster Linie die Strukturierung, Stabilisierung und Harmonisierung des Alltags.

Vor allem Kinder profitieren von festen Abläufen, klaren Absprachen und verlässlichen Ritualen wie geregelte Aufsteh- und Schlafenszeiten, regelmäßige Mahlzeiten zu festen Zeiten etc. Sie bringen Ruhe in die Tagesroutine und bieten so Sicherheit und Struktur. Die Zeiten vor dem Fernseher, im Internet oder bei PC-Spielen sollten möglichst gering gehalten werden. Stattdessen empfiehlt sich viel Bewegung, am besten an frischer Luft und idealerweise bei Mannschaftssportarten, die neben dem körperlichen Auspowern auch Teamwork, gegenseitigen Respekt und feste Regeln vermitteln.

Innerhalb der Familie erleichtern auch für das Kind nachvollziehbare Grenzen auf der Basis von Liebe, Zuwendung und Verständnis das tägliche Miteinander.

Entspannungstechniken können allen Betroffenen helfen, innerlich ruhiger zu werden, zum Beispiel mit Autogenem Training, Progressiver Muskelentspannung nach Jacobson oder mit Atemübungen, Yoga, Qi Gong oder Tai Qi. Harmonisierend wirken, je nach persönlicher Vorliebe, Malen, Musizieren, Singen, Tanzen u.v.m. Verhaltenstherapeutische Maßnahmen können dazu dienen, den vielen verschiedenen Herausforderungen des Alltags- und Berufslebens strukturierter, planbarer und verlässlicher zu begegnen.

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Darüber hinaus sollten sich Kinder, Eltern und erwachsene Betroffene bewusst machen, dass AD(H)S nicht nur negative Seiten hat. Kreativität, Begeisterungsfähigkeit, Spontanität und Mut sind nur einige der positiven Aspekte, die ebenfalls gesehen werden sollten.

Wer den Kontakt zu anderen Betroffenen suchen möchte, kann sich z. B. an den gemeinnützigen Selbsthilfeverein ADHS Deutschland e.V. (www.adhs-deutschland.de) wenden.

Autoren und Redaktion
Autorin: Kirsten Buschmann, Heilpraktikerin
Redaktion: Ulrich Sümper, Heilpraktiker

Beratung durch
Anita Sprenger-Witte, Heilpraktikerin
Franz-Claas-Straße 6a
33428 Harsewinkel
Tel. 05247 - 40 64 07

Diese Gesundheitsinformation wurde am 30.08.2019 erstellt und wird regelmäßig aktualisiert.