Kieselsteine
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Grundlagen und Konzept
Wasserfall
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Der Begriff Anthroposophie (griech. anthropos = Mensch, sophia = Weisheit) wurde ursprünglich Anfang des 19. Jahrhunderts von dem Schweizer Arzt und Philosophen Ignatz Troxler (1780–1866) geprägt. Er verstand darunter die Erkenntnis der menschlichen Natur, in der sich als mystischer Vorgang Gott und Welt vereinen. Heute ist der Begriff der Anthroposophie untrennbar mit dem österreichischen Naturwissenschaftler und Philosophen Rudolf Steiner (1861-1925) verbunden. Er erweiterte die naturwissenschaftliche Anschauung der Welt, anknüpfend an Goethe, dessen naturwissenschaftliche Schriften er herausgegeben und kommentiert hatte, mit den Erkenntnissen einer Wissenschaft vom Geistigen. Diese Wissenschaft vom Geiste nannte er dann Anthroposophie. Die Anthroposophie ist eine umfassende, spirituell geprägte Betrachtung der Welt, die religiöse und philosophische Denkansätze vereint. Sie betrachtet den Menschen in seiner Beziehung zum Übersinnlichen: „Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltall führen möchte.“ Den Weg, der zu dieser Erkenntnis führt, hat Rudolf Steiner beschrieben in „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“.

Darüber hinaus hat die Anthroposophie zahlreichen Lebensbereichen neue Impulse gegeben – neben der Medizin auch der Pädagogik (Waldorfschulen), Landbau (biologisch-dynamische Landwirtschaft), Religion (Christengemeinschaft), Astronomie, Sozial- und Geowissenschaften. Kunst (Malerei, Musizieren, Gestalten), Eurythmie (Melodien, Worte etc. werden in Bewegung umgesetzt – sichtbar gemachte Musik und Sprache).

Die anthroposophische Medizin ist ein ganzheitlich orientiertes, integratives Heilkonzept, das Krankheit als Störung des inneren Gleichgewichts betrachtet und Körper, Seele und Geist sowie die gesamte Lebenssituation eines Menschen in den Heilungsprozess einbezieht.

Steiner beschreibt den Menschen gegliedert in vier Ebenen:

  • Die physisch-mineralische Ebene, den physischen Leib. Damit wird der sichtbare Körper bezeichnet, an dem sich messbare Werte, Befunde (z. B. Gewicht, Größe) ermitteln lassen; hier geht der Organismus mit mineralischen Substanzen um. Der physische Leib ist die Raumgestalt.
  • Die biologisch-vegetative Ebene, den Äther- oder Lebensleib (die Lebensorganisation). Hier finden sich alle „lebendigen Prozesse in der Zeit“ wie Wachstum, Stoffwechsel sowie auch die Erinnerungs- und Gedächtnisbildung sowie periodisch ablaufende Funktionen wie Atmung, Herzkreislauf-Funktion, Stoffwechselrhythmen sowie Schlafen und Wachen.
  • Die psychisch-emotionale Ebene, den Astral- oder Empfindungsleib (die Seelorganisation) äußert sich in dem Ergebnisse der Vergangenheit einbeziehende Denken, auf die Ziele in der Zukunft ausgerichtete . Willensentfaltung, und das immer gegenwärtig sich vollziehende, emotionale Gefühlsleben. Die Seelenorganisation  und ermöglicht äußere und innere Bewegungen, schwingungsfähigkeit zwischen Sympathie und Antipathie..
  • Die spirituell-individuelle Ebene, die Ich-Organisation bzw. den Geistleib (das Selbst, die Persönlichkeit). Das ich hat den anderen Ebenen gegenüber integrierende Funktion und bildet den individuell-geistigen Wesenskern, der sich im Selbstbewusstsein äußert. Ausdruck der Ich-Organisation ist die individuelle, einzigartige Biographie des Menschen.

Diese vier Ebenen wirken mit einer funktionellen Dreigliederung zusammen im:

  • Das Sinnes-Nerven-System ist die Grundlage des Denkens (vergangenheitsorientierte Erkenntnis der Welt). Die Sinnesorgane vermitteln ein Bild der Welt, das vom Nervensystem innerlich verarbeitet wird. Von ihm gehen den Organismus gestaltende, strukturierende, aber auch abbauende bzw. verhärtende Prozesse aus.
  • Das Bewegungs-Stoffwechsel-System ist physiologische Grundlage des Willens (zukunftsgerichtete Veränderung der Welt). In der Verdauung wird die Umwelt – Nahrung – abgebaut und durch den Ernährungsprozess entsteht ganz individuell gestaltetete Körpersubstanz. Im  Bewegungs-Stoffwechselsystem dominieren  Wachstums- und Vitalprozesse.
  • Das Rhythmischen System hat sein Zentrum im Herz-Kreislauf-System und dem Atmungsprozess, es ist Grundlage für das immer gegenwartsbezogene Fühlen; Es durchdringt den Gesamtorganismus, mit rhythmischen, physiologischen Prozessen und verbindet auch die Kulturrhythmen (Woche, Monat, Jahr usw.) mit uns. Es vermittelt auch zwischen den Kräften des Sinnes-Nerven-Systems und denen des Bewegungs-Stoffwechsel-Systems, gleicht Vereinseitigungen aus und erhält bzw. erschafft damit die Gesundheit.

Krankheitsentstehung
Die anthroposophische Medizin sieht Krankheiten als ein Ungleichgewicht der vier Ebenen (s. o.) bzw. der seelischen und körperlichen Dreigliederung (s. o.). Überwiegen z. B. der physische Leib und die mineralische Ebene, entstehen Ablagerungen (Sklerosen), überwiegen der Lebensleib bzw. die biologisch-vegetative Ebene, entsteht unkontrolliertes Wachstum z. B. in Form von Tumoren u. s. w. Krankheit bedeutet demnach ein „Zuviel“ oder „Zuwenig“ bzw. „Richtiges“ am falschen Ort oder zur falschen Zeit bzw. in falscher Intensität. Krankheiten können ihre Ursache in der Vergangenheit haben, aber auch im Hinblick auf die Zukunft bedeutungsvoll sein, wenn mit den Erfahrungen einer Krankheit ein stabileres Gleichgewicht, eine neue Gesundheit errungen wird.

Mistel
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Behandlungsgrundlagen

Der die Anthroposophische Medizin integrierende Heilpraktiker

  • sieht den Menschen in seiner Einzigartigkeit (individuelle Biografie)
  • klärt den individuellen Heilungsbedarf
  • berücksichtigt die individuelle Lebenssituation des Erkrankten
    bietet differenzierte Therapiekonzepte und zusätzlich Hilfe zur Selbsthilfe und persönlichen Weiterentwicklung
  • stärkt und aktiviert die gesunden Anteile und Ressourcen
  • begleitet den Menschen auf seinem individuellen Schicksalsweg

Grundlage der Behandlung ist immer eine genaue anthroposophische Diagnosestellung, die die vier Ebenen (s. o.) und die Dreigliederung (s. o.), die persönliche Konstitution und Biografie sowie das soziale Umfeld umfasst. Im Zentrum der Therapie stehen die Fragen: Was ist die (Schicksals-) Aufgabe für den Betroffenen? Wozu dient die Herausforderung, was will die Erkrankung „sagen“? Welche Erkenntnisschritte sind hierfür nötig? Wie kann der Prozess der Heilung unterstützt und der Patient begleitet werden?

Je nach Diagnose und Zielsetzung wählt der anthroposophisch arbeitende Heilpraktiker spezielle auf anthroposophischen Grundlagen hergestellte Arzneimittel aus, bezieht aber auch phytotherapeutische, homöopathische und schulmedizinische Arzneimittel sowie andere Therapieverfahren ein, wenn die individuelle Situation des Patienten dies erfordert.

Die Anthroposophie beschreibt eine besondere Wesensverwandtschaft zwischen dem Menschen und der Natur, die sich einerseits aus der gemeinsamen Evolution erklärt, andererseits aus funktionellen Analogien (Signatur): Blütenpflanzen beispielsweise sind entsprechend der anthroposophischen Heilkunde umgekehrt organisiert wie der Mensch. Die Wurzeln haben bei der Pflanze ähnliche Funktionen wie das Sinnes-Nerven-System (Wahrnehmung der Umgebung und Aufnahme von Substanzen), die Blätter haben Atmungsfunktion (jedoch umgekehrt wie beim Menschen – Sauerstoff und Kohlendioxid) und sind damit dem Rhythmischen System vergleichbar während der Bereich der Blüte dem Stoffwechsel-Bewegungs-System/Fortpflanzungssystem entspricht. So wirken Pflanzenwurzeln (und ihre Substanzen) auf Wahrnehmungsprozesse unterstützend bzw. anregend, Blätter auf Rhythmische Prozesse und Blüten auf Stoffwechsel bzw. Willensprozesse.

Anthroposophische Arzneimittel stammen aus den drei Naturreichen:

  • Rein pflanzliche Arzneimittel (z. B. Arnica, Belladonna, Gelber Enzian, Eselsdistel, Bilsenkraut) greifen über den Empfindungsleib ein und unterstützen bzw. fordern den Organismus heraus.
  • Mineralische Arzneimittel (z. B. Kiesel, Kalk, Edelsteine, Metalle), regen die Ich-Organisation an oder unterstützen sie in ihrer Funktion.
  • Arzneimittel tierischen Ursprungs (z. B. Honig, staatenbildende Insekten wie Ameise oder Biene, tierische Gifte) fördern oder unterstützen die Lebensorganisation. Anthroposophische Organpräparate lenken die mineralische oder pflanzliche Arzneimittelwirkung auf eine bestimmte Körperregion.

 

Anthroposophische Arzneimittel werden nach speziellen und sehr aufwendigen Verfahren hergestellt, um die Entfaltung der speziellen Bild- und Gestaltkräfte der Ausgangssubstanz zu bewahren. Dabei spielt auch die Biografie der Arzneisubstanz eine entscheidende Rolle. So werden die Heilpflanzen selbst angebaut und Metalle aus den Erzen gewonnen. Viele Arzneimittel enthalten Bestandteile aus Mineral-, Pflanzen und Tierreich, teils in stofflicher, teils in homöopathischer Verdünnung, und in verschiedenen Darreichungsformen (Tropfen und Tabletten, Ampullen zur Injektion, Salben und Öle).

Die sog. spezifisch anthroposophischen Arzneimittel richten sich nicht direkt gegen die Erkrankung. Vielmehr befähigen sie den Organismus selbst zur Heilung, indem sie den Organen und körperlichen Prozessen das „gesunde Urbild“ vermitteln. So charakterisierte Steiner z. B. die Krebskrankheit als ein Überhandnehmen von Kräften des physischen Leibes und der Lebensorganisation, die zu wenig von den gestaltend-integrierenden Kräften der Seelen- und Ich-Organisation durchdrungen werden, so dass ein Wachstum ohne Rücksicht auf die Gesamtgestalt und die Organgrenzen stattfindet. Die (in der Krebstherapie eingesetzte) Mistel zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie ihre eigene Gestalt – auch gegen die natürlichen Gegebenheiten – behauptet, sogar antizyklisch blüht und fruchtet. Sie ist damit ein Vorbild für die integrierend gestaltenden Kräfte der Ich-Organisation und Seelenorganisation. Heute ist die Mistel gut auch auf substanzieller Ebene untersucht und beschrieben, die Wirksamkeit auch wissenschaftlich erwiesen (u. a. Immunmodulation, Tumorwirksamkeit, Stabilisierung der Erbsubstanz, Beeinflussung der Lebensqualität).

Neben anthroposophischen Arzneimitteln können, dem ganzheitlichen Ansatz entsprechend, weitere therapeutische Maßnahmen zum Einsatz kommen wie beispielsweise äußere Anwendungen (z. B. Bäder, Gymnastik, Massagen), Kunst- (z. B. Malerei, Musik) oder Gesprächstherapien (Biografiearbeit) sowie eine spezielle Ernährung mit einem hohen Anteil pflanzlicher Lebensmittel.

Anwendungsbeispiele (alphabetisch)
  • Allergische Erkrankungen
    (z. B. Heuschnupfen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten)
  • Erkrankungen der Atemwege
    (z. B. Sinusitis, Bronchitis, Lungenemphysem)
  • Erkrankungen des Bewegungsapparates
    (z. B. Arthrose, Arthritis, Traumata und Verletzungen)
  • Erkrankungen der Haut
    (z. B. Ekzeme, Neurodermitis)
  • Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems
    (z. B. Rhythmusstörungen, Kreislaufregulationsstörungen, Bluthochdruck)
  • Erkrankungen des Nervensystems
    (z. B. Nervosität, Schlafstörungen, stressassoziierte funktionelle Beschwerden)
  • Erkrankungen der Sinnesorgane
    (z. B. Augenleiden)
  • Erkrankungen des venösen Systems
    (z. B. Varikosis (Krampfadern)
  • Erkrankungen des Verdauungstaktes
    (z. B. funktionelle Verdauungsbeschwerden, Reizdarm, Durchfall und Verstopfung)
  • Frauenleiden
    (z. B. unerfüllter Kinderwunsch, Menstruationsstörungen, Wechseljahrsbeschwerden)
  • Lebenskrisen und Entwicklungsstörungen im weitesten Sinn / Lebensführungsbegleitung
  • Psychische Erkrankungen
    (z. B. Persönlichkeitsentwicklungsstörungen, Neurosen, Begleit- und Nachbehandlung von Psychosen)
  • Tumorerkrankungen
    (z. B. gutartige und bösartige Tumoren, Erkrankungen der blutbildenden Organe)
Gegenanzeigen/Kontraindikationen, Nebenwirkungen und Risiken

Die anthroposophische Medizin versteht sich als eine Erweiterung der Medizin, nicht als Alternative. Insofern werden auch schulmedizinische Vorgehensweisen und Medikamente dort, wo dies notwendig ist, mit einbezogen (z. B. bei schweren akuten oder lebensbedrohlichen Erkrankungen). Dennoch können auch bei schwerwiegenden Erkrankungen anthroposophische Arzneimittel und Therapiestrategien eingesetzt werden, u. U. unterstützend in Absprache mit Ihrem Heilpraktiker oder Arzt.

Viele Arzneimittel der Anthroposophischen Medizin werden entsprechend der anthroposophischen Diagnostik angewandt, setzen also eine Untersuchung durch einen anthroposophisch orientierten Heilpraktiker voraus. Darüber hinaus sind bei manchen Arzneimitteln Gegenanzeigen und Wechselwirkungen zu beachten, die jeweils in den Packungsbeilagen angegeben sind.

Bei sachgerechter Anwendung sind keine Nebenwirkungen bekannt. Gegenanzeigen und Wechselwirkungen anthroposophischer Arzneimittel ergeben sich aus den Inhaltsstoffen der jeweiligen Produkte. Anthroposophische Arzneimittel können Alkohol enthalten. Es sind immer die Angaben in den Packungsbeilagen zu beachten.

Eine längerfristige Einnahme der Arzneimittel erfordert eine Rücksprache mit dem Heilpraktiker, da manche Arzneimittel konstitutionsbeeinflussend wirken; auch Erstverschlimmerungen wie bei homöopathischen Arzneimitteln (siehe hierzu auch Homöopathie) sind möglich.

Kosten
Die Kosten für die Beratung und Behandlung sind individuell unterschiedlich je nach Aufwand und Arzneimittel. Es können an dieser Stelle keine verbindlichen Aussagen dazu gemacht werden. Bitte sprechen Sie im Vorfeld mit Ihrem behandelnden Heilpraktiker, er informiert und berät Sie gern.

Taschenrechner
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Autoren, Redaktion und Beratung
Autorin: Kirsten Buschmann, Heilpraktikerin
Redaktion: Elvira Bierbach, Heilpraktikerin; Ulrich Sümper, Heilpraktiker

Beratung durch
Stefan von Löwensprung, Arzt
Kiesmühle 6
73535 Schwäbisch Gmünd
mail@von-loewensprung.de

Weiterführende Literatur

  • Faulstich, J. Das Gemeimnis der Heilung. Wie altes Wissen die Medizin verändert. Knaur 2010
  • Rosenhauer von Löwensprung, S. und Rosenhauer von Löwensprung, N.: Anthroposophische Medizin in der Naturheilpraxis. Haug Verlag, Stuttgart 2013
  • Schramm, H. Heilmittel der anthroposophischen Medizin, Elsevier, München 2009
  • Sommer, M: Heilpflanzen, ihr Wesen, ihre Wirkung, ihre Anwendung. Verlag Urachhaus, Stuttgart 2013
  • Husemann, A. J.: Form, Leben und Bewusstsein. Einführung in die Menschenkunde der Anthroposophischen Medizin, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2015
  • Wilkens, J.  Die Heilkraft der Christrose, AT Verlag, München 2014
    Selawry, A.: Metall-Funktionstypen in Psychologie und Medizin (Reprint), Salumed-Verlag, Berlin 2015
  • Rippe, O. (Hrsg): Die Mistel, eine Heilpflanze für die Krankheiten unserer Zeit, Pflaum-Verlag, München, 2010

Informationen zu wissenschaftlichen Studien und anderen Quellen z. B. unter

  • www.damid.de (Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland)

Diese Gesundheitsinformation wurde am 30.05.2016 erstellt und wird regelmäßig aktualisiert.