„Gluten-Unverträglichkeit“ (Zöliakie/Sprue)

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Paul ist noch kein Jahr alt, aber Judith, seine Mutter, macht sich zunehmend Sorgen. Immer wieder leidet Paul unter Bauchschmerzen und Durchfall. Manchmal fühlt sich sein Bauch auch leicht aufgebläht an. Er weint auch öfter. Ob ihm wohl irgendetwas nicht bekommt?

Was ist eine Gluten-Unverträglichkeit?

Die Gluten-Unverträglichkeit (Zöliakie/Sprue) ist – anders als die Glutensensitivität  (die umgangssprachlich oft auch als Glutenintoleranz bezeichnet wird) – nach heutigem Wissensstand eine Autoimmunerkrankung, die durch den Verzehr von Gluten ausgelöst wird. Dieses Klebereiweiß kommt in Getreiden wie Dinkel, Gerste, Grünkern, Roggen und Weizen, aber auch in älteren Sorten wie Einkorn und Emmer vor. Die Bezeichnung Klebereiweiß hat das Proteingemisch bekommen, da es den Teig beim Backen „zusammenhält“ und geschmeidig macht.

Die Gluten-Unverträglichkeit führt, wird weiter Gluten gegessen, zu einer chronischen Entzündung und Schädigung (Zottenatrophie) der Dünndarmschleimhaut, die – abhängig vom Schweregrad der Empfindlichkeitsreaktion – mit einer mehr oder weniger starken Beeinträchtigung der Nährstoffaufnahme und damit einhergehenden Symptomen (s.u.) einhergeht. Bei schwereren Verlaufsformen kann sich zusätzlich ein Laktasemangel (ein im Darm vorkommendes Enzym, das Lactose in ihre Bestandteile Galactose und Glucose spaltet) entwickeln, der die Verdauung von Milchzucker stört (siehe auch Laktose-Unverträgtlichkeit) und die Beschwerden noch verstärkt. Unbehandelt steigt bei Zöliakie auch das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen (z.B. Lymphome).

Früher wurde die Gluten-Unverträglichkeit im Kindesalter Zöliakie genannt, beim erstmaligen Auftreten im Erwachsenenalter (einheimische) Sprue.

Mögliche Symptome können sein (alphabetisch):

  • Appetitlosigkeit
  • Aufgeblähter Bauch (bei sonst magerem Körper)
  • Bauchschmerzen
  • Blähungen
  • Blässe
  • Blutarmut
  • Blutgerinnungsstörungen (sichtbar z. B. durch häufige „blaue Flecke“)
  • Durchfall (seltener Verstopfung)
  • Erbrechen
  • Gedeihstörungen bei Kindern
  • Gewichtsabnahme
  • Kalkmangel der Knochen
  • Leistungsminderung
  • Migräne
  • Müdigkeit
  • Mundwinkelrhagaden (Einrisse im Mundwinkel)
  • Sehstörungen
  • Völlegefühl
  • Wadenkrämpfe
  • Wesens-/Verhaltensänderungen
  • Zyklusstörungen/ Unfruchtbarkeit

Die Zöliakie/Sprue kann auch ohne eindeutige Symptome auftreten und sich in uncharakteristischen Beschwerden wie Antriebslosigkeit, depressiven Verstimmungen, Veränderungen der Mundschleimhaut, Gelenkbeschwerden, Leberbeschwerten etc. zeigen.

Ursachen

Die Gluten-Unverträglichkeit ist (soweit sauber diagnostiziert) eine Autoimmunerkrankung. Sie ist genetisch disponiert, d. h. es liegt eine familiäre Häufung vor, die den Ausbruch der Erkrankung begünstigt. Sie kann auch mit anderen Krankheiten kombiniert sein wie z.B. Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse (Hashimoto Thyreoiditis), Diabetes mellitus Typ 1, Muskoviszidose (vererbte Stoffwechselstörung) oder Trisomie 21 (Down-Syndrom).

Umweltfaktoren (Infektionen, Ernährung etc.) als Auslöser der Erkrankung werden diskutiert, gelten bisher jedoch als nicht gesichert.

Teilweise wird empfohlen, Kinder möglichst 4-6 Monate voll zu stillen und ihnen vor dem 4. Lebensmonat keine, danach zunächst nur geringe Mengen an glutenhaltigen Nahrungsmitteln zu verabreichen.

Diagnose

Die Diagnose wird üblicherweise durch anamnestische Hinweise, serologische Tests und dann Sicherung der Diagnose durch eine Gewebeprobe (Biopsie) gestellt.

Den Verdacht auf eine Gluten-Unverträglichkeit kann aber auch nach Meinung einiger Forscher eine Blutuntersuchung erhärten, da sich im Blut der Erkrankten verschiedene Antikörper nachweisen lassen.

Wichtig ist, dass die Untersuchungen vor einer Diät durchgeführt werden, da sich nach Diätbeginn die Darmschleimhaut erholen kann und die Stuhl- und Blutparameter z. T. recht schnell wieder normalisieren. Das erschwert oder verschleiert die Diagnostik!

Von den mittlerweile im Handel erhältlichen Test-Sets muss unbedingt abgeraten bzw. immer dringend zur Kontrolle des Testergebnisses durch weitere Untersuchungen (meist durch Ärzt*innen) geraten werden.

Was können Heilpraktiker für Sie tun?

Wurde bei Ihnen oder Ihrem Kind Zöliakie/Sprue diagnostiziert, kann Ihre Heilpraktikerin oder Ihr Heilpraktiker, idealerweise spezialisiert auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Sie umfassend beraten. Wird als Folge der Erkrankung bereits eine Darmdysbiose (Ungleichgewicht der Darmflora) festgestellt, kann über den begleitenden Einsatz von Präparaten der Mikrobiologischen Therapie nachgedacht werden. Hier werden Mikroorganismen, ihre Bestandteile oder Stoffwechselprodukte therapeutisch eingesetzt, um das gesunde bakterielle Gleichgewicht im Darm wieder herzustellen. Das wirkt zwar nicht ursächlich, kann aber nicht selten die Gesamtsituation verbessern.

Umfassend und ganzheitlich sehen und berücksichtigen Heilpraktiker die Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen Darm und Immunsystem. Gegebenenfalls ist es sinnvoll, das ganze „System“ mit in die Behandlung einzubeziehen, zumal die Zöliakie häufig auch mit noch weiteren Autoimmunerkrankungen (s.o.) vergesellschaftet ist.

Je nach Befund und Krankenvorgeschichte können z.B. Mittel der Homöopathie, Spagyrik oder Phytotherapie die Regeneration der Darmschleimhaut unterstützen, allgemein ausgleichend auf den Magen-Darm-Trakt wirken und parallel zur glutenfreien Diät die Symptome lindern.

Bei einer längerfristigen glutenfreien Diät kann es zu einer Unterversorgung mit Ballaststoffen und einem Mangel an Vitaminen kommen. Mittel der Orthomolekularen Therapie mit Mikronährstoffen können dann zum Einsatz kommen.

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Alle diese Möglichkeiten stehen hier jedoch nur beispielhaft für die vielen Methoden, die Ihrer Heilpraktikerin oder Ihrem Heilpraktiker zur Verfügung stehen. Über die bereits genannten Verfahren hinaus bieten die Naturheilkunde und die komplementäre Medizin weitere an, die auch in Kombination miteinander hilfreich sein können. So z. B. (alphabetisch):

Wenn Sie unter einer Gluten-Unverträglichkeit leiden oder es vermuten, sprechen Sie mit Ihrer Heilpraktikerin oder Ihrem Heilpraktiker –  sie beraten Sie gerne. Sollten Sie sich besonders für bestimmte Therapien interessieren, hilft Ihnen die BDH-Therapeutensuche dabei, eine Praxis in Ihrer Nähe zu finden.

Was können Sie selber tun?

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Alle glutenhaltigen Getreide und Lebensmittel sind bei Zöliakie tabu. Verpackte glutenfreie Produkte erkennen Sie am Symbol der „durchgestrichenen Ähre“.

Problemlos hingegen sind alle von Natur aus glutenfreien Lebensmittel wie z.B. frisches Obst und Gemüse, Hülsenfrüchte, Fleisch und Fisch in unverarbeiteter Form, naturbelassene Milchprodukte, Eier und Nüsse; als Getreide(-ersatz) auch Reis, Mais, Buchweizen, Kichererbsen, Quinoa, Amaranth, Hanfkörner u.v.a.m. und deren Mehle.

Aber Achtung: Gluten wird gerne als Emulgator, zum Gelieren, Stabilisieren und als Träger von Aromastoffen eingesetzt und ist deshalb oft auch in Lebensmitteln, in denen man es nicht vermuten würde (z.B. in Konserven, Soßen, abgepacktem Schinken/Käse, Trockenobst, Gewürzmischungen, Süßigkeiten u.a.) – besser immer auf die Zutatenliste achten.

Leben Sie zusammen mit nicht betroffenen Familienmitgliedern in einem Haushalt, kann es nötig sein, glutenhaltige Lebensmittel farblich zu kennzeichnen, um sie von glutenhaltigen zu unterscheiden und Verunreinigungen zu vermeiden. Auch Arbeitsflächen und -geräte müssen sauber sein, bevor sie mit glutenfreien Lebensmitteln in Kontakt kommen, da bereits sehr kleine Mengen glutenhaltiger Nahrungsmittel (z.B. ein kleiner Brotkrümel) bei den Betroffenen zu starken Beschwerden führen können. Ggf. sind separate Küchenutensilien (z.B. Schneidebretter, Toaster), Spüllappen etc. für die glutenfreie Küche empfehlenswert.

Gluten steckt manchmal auch in Medikamenten. Deshalb die Packungsbeilage genau lesen und sich gegebenenfalls von Arzt oder Apotheker beraten lassen.

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Zahlreiche Tipps zu glutenfreier Ernährung, geeigneten Lebensmitteln, Rezepten etc. erhalten Sie u.a. bei

Deutsche Zöliakie Gesellschaft e. V.
Kupferstr. 36
70565 Stuttgart
www.dzg-online.de

Autoren und Redaktion
Autorin: Kirsten Buschmann, Heilpraktikerin
Redaktion: Ulrich Sümper, Heilpraktiker

Beratung durch
Anita Sprenger-Witte, Heilpraktikerin
Franz-Claas-Straße 6a
33428 Harsewinkel
Tel. 05247 - 40 64 07

Diese Gesundheitsinformation wurde am 15.09.2020 erstellt und wird regelmäßig aktualisiert.