„Gicht"

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Ein stechender Schmerz mitten in der Nacht hat Ralf unsanft aus dem Schlaf gerissen. Seine linke große Zehe schmerzt auf einmal so heftig, ist geschwollen und gerötet. Er kommt kaum aus dem Bett, so weh tut das. Gestern war doch noch alles in Ordnung. Ralf ist völlig erschrocken…

Was ist Gicht?

Gicht ist eine Stoffwechselstörung, bei der sich die Harnsäurekonzentration im Blut erhöht (Hyperurikämie, s.u.). Die Hyperurikämie ist die häufigste Stoffwechselstörung der „Überflussgesellschaft“ und kann zu Gicht führen. Etwa 90 % der Gichtpatienten sind Männer, bevorzugt im Alter zwischen 40-60 Jahren. Frauen entwickeln Gicht i.d.R. nicht vor Einsetzen der Wechseljahre, wahrscheinlich, weil die weiblichen Geschlechtshormone bis zu diesem Zeitpunkt einen gewissen Schutz bieten. Mit zunehmendem Alter erhöht sich das Risiko daran zu erkranken für beide Geschlechter.

Harnsäure ist beim Menschen ein Endprodukt des Purinstoffwechsels. Purine sind Verbindungen, die in Körperzellen, aber auch in zahlreichen Lebensmitteln und einigen Getränken vorkommen Die aus den Purinen gebildete Harnsäure wird hauptsächlich über die Nieren, aber auch über den Stuhl ausgeschieden. Ist dieser Prozess gestört, steigt die Konzentration der Harnsäure im Blut ( ≥ 6,5 mg/dl, die sog. Hyperurikämie s.o.). Unter bestimmten Umständen können sich dann Harnsäurekristalle (Urat-Kristalle) bilden, die sich insbesondere in Gelenken ablagern und dort zu den typischen heftigen Entzündungsreaktionen führen – einem Gichtanfall. Dieser akute Zustand kann mehrere Stunden bis sogar Tage andauern.

Der erste Gichtanfall zeigt sich meist unerwartet und in der Nacht, ausgelöst nicht selten durch ein üppiges Essen oder reichlich Alkoholkonsum, aber auch durch Fasten. Die Betroffenen werden dann nachts oder in den frühen Morgenstunden

plötzlich von einer schweren Schmerzattacke - bei erstmaligem Auftreten in der Regel nur an einem Gelenk - überrascht. Sehr häufig ist das Großzehengrundgelenk betroffen, diese Form wird Podagra genannt. Das Gelenk ist dann durch die Entzündung stark geschwollen, gerötet und extrem schmerzhaft, oft schon bei kleinster Berührung (z.B. Bettdecke, Strümpfe) oder Erschütterung. Hinzukommen können Fieber und Frösteln. Ebenfalls oft befallen werden Mittelfußgelenke, Sprung- und Kniegelenke sowie die Daumengrundgelenke.

Ohne entsprechende Therapie besteht die Gefahr, dass sich die Attacken in immer kürzer werdenden Abständen, unterbrochen von symptomfreien Intervallen, wiederholen. Wobei die wiederholt auftretenden Entzündungen langfristig zu fortschreitenden, schweren Gelenkzerstörungen führen können. Unbehandelt entwickelt sich nach ca. 5-15 Jahren eine (heute sehr seltene) chronische Gicht mit i.d.R. sichtbaren Harnsäure-Ablagerungen (Urat-Ablagerungen). Diese erbsen- bis walnussgroßen Knoten (Gichtknoten, Gichttophi) finden sich z.B. an Ohrmuscheln oder Fingern. In allen Stadien der Erkrankung können Ablagerungen in der Niere zu einer Entzündung führen (Gichtniere, Gichtnephropathie), zu der sich zusätzlich eine bakterielle Entzündung gesellen kann. In späteren Stadien der Gichtniere ist die Nierenfunktion immer weiter eingeschränkt, auch Nierensteine können auftreten.

Ursachen

Harnsäure entsteht durch den Abbau von Purinen im Körper. Sie kommen einerseits aus der Nahrung, andererseits sind sie ein “normaler“ Baustein von Körperzellen, die beim Abbau oder Zerfall der Zellen freigesetzt werden. Harnsäure fällt also vermehrt an, wenn entweder die Ernährung zu purinreich ist (v.a. durch einen zu hohen Verzehr von Innereien, Fleisch und Wurstwaren, Hülsenfrüchten und Spargel, Alkohol/bes. Bier), viele Zellen im Körper abgebaut werden (z.B. durch Fasten, körperliche Überanstrengung) oder zerfallen (z.B. als Folge einer Chemotherapie bei Tumorpatienten) und/oder die Ausscheidungsfunktion der Nieren z.B. erblich bedingt herabgesetzt ist.

Ursache der Gicht (bzw. der primären Hyperurikämie) ist in ca. 99% der Fälle eine (v)ererbte (familiär gehäuft auftretende) Funktionsstörung/ -schwäche der Niere für die

Ausscheidung von Harnsäure bei ansonsten normaler Nierenfunktion. Diese ererbte Stoffwechselerkrankung kann sich u.a. durch eine ungünstige, purinreiche Ernährung verschlechtern und somit ggf. auch zur (symptomatischen) Gicht führen. Nur ca. 1% der Betroffenen hat eine Gicht aufgrund einer überdurchschnittlich hohen (körpereigenen) Harnsäureproduktion. Das Risiko für einen Gichtanfall ist umso größer, je höher der Harnsäurespiegel im Blut ist.

Darauf, dass Erkrankung ausbricht, hat die Ernährungsweise starken Einfluss. Zu den weiteren Risikofaktoren zählen Übergewicht, hohe Blutfettwerte, Diabetes mellitus, Bluthochdruck und Bewegungsmangel. Dennoch führen eine purinreiche Ernährung und entsprechende Risikofaktoren nicht zwangsläufig zu einer Gicht.

Diagnose und Behandlung

Bei einem akuten Gichtanfall sind die Symptome meistens so typisch, dass die Diagnose ohne weitere Untersuchungen gestellt werden kann. Eine Blutuntersuchung kann die Diagnose sichern, doch ist der aktuell gemessene Harnsäurewert nicht immer unbedingt auffällig. Im Zweifelsfall sind deshalb ggf. die Bestimmung weiterer Laborparameter und wiederholte Harnsäure-Untersuchungen sinnvoll.

Bei einer Gichterkrankung finden sich in der Gelenkflüssigkeit unter dem Mikroskop die typischen Harnsäurekristalle. Auch eine Ultraschalluntersuchung des betroffenen Gelenks oder - bei fortgeschrittener Gicht - im Röntgenbild zeigen sich typische Knochendefekte. Wichtig ist auch die Untersuchung und Kontrolle der Nierenfunktion (Gichtniere, s.o.)

Gegen den akuten Gichtanfall können verschiedene schmerzlindernde und entzündungshemmende Medikamente verschrieben werden. Nach der Akutphase zielt die Behandlung der Gicht darauf ab, den Harnsäurespiegel wieder zu normalisieren und stabil zu halten, um so weitere Gichtanfälle und mögliche Spätschäden wie Gichtniere, Nierensteine oder Knochenschäden (s.o.) zu verhindern. Dabei helfen v.a. die richtige Ernährung, eine gesunde Lebensweise und ggf. eine Gewichtsreduktion. Reicht das nicht, um die Stoffwechselstörung zu auszugleichen, sind Medikamente zur dauerhaften Senkung des erhöhten Harnsäurespiegels erforderlich.

Was können Heilpraktiker für Sie tun?

Die Naturheilkunde und die komplementäre Medizin kennen viele Verfahren (auch zur allgemeinen Stärkung der Niere(nfunktion)), die die Risikofaktoren für einen Gichtanfall schon vorbeugend verringern, die Symptome eines akuten Anfalls lindern und ein erneutes Auftreten oftmals verhindern können. Ganz wesentlich dabei ist z.B. die Ernährungstherapie. Da einer akuten Gicht häufig eine Fehlernährung vorausgeht, wird Ihre Heilpraktikerin oder Ihr Heilpraktiker Sie hinsichtlich einer Diät beraten und Sie auch unterstützen, eine dauerhafte Ernährungsumstellung in Ihr Leben zu integrieren.

Ab- und ausleitende Verfahren können aus naturheilkundlicher Sicht die allgemeine Entgiftung des Körpers oftmals fördern. Ebenfalls ausleitend und stoffwechselanregend wirken zahlreiche Mittel der Phytotherapie . So können z.B. unter fachlicher Anleitung die Ausscheidung von Harnsäure verbessert oder die Leber in ihrer Entgiftungsfunktion unterstützt werden.

Nach Ansicht der Traditionellen Chinesischen Medizin kann eine Ansammlung von „Schleim, Feuchtigkeit und Hitze“ Gelenkbeschwerden wie bei der Gicht auslösen. In eine dementsprechende Behandlung wird – je nach individueller Diagnose – z.B. der Milz-Pankreas-Meridian mit einbezogen, der entlang des Großzehengrundgelenks verläuft, dem am häufigsten von Gicht betroffenen Gelenks.

Gegen Schmerzen im betroffenen Gelenk kennt auch die Aromatherapie verschiedene Rezepturen, die zur Einreibung, als Kompresse oder für Auflagen unterstützend angewendet werden können.

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Alle diese Möglichkeiten stehen hier jedoch nur beispielhaft für die vielen Ansätze und Methoden, die Ihrer Heilpraktikern zur Verfügung stehen. Über die bereits genannten Verfahren hinaus bieten die Naturheilkunde und die komplementäre Medizin weitere an, die auch in Kombination miteinander hilfreich sein können. So z. B. (alphabetisch):

Wenn Sie unter Gicht leiden, sprechen Sie mit Ihrer Heilpraktikerin oder Ihrem Heilpraktiker –  sie nehmen sich für Sie Zeit. Sollten Sie sich besonders für bestimmte Therapien interessieren, hilft Ihnen die BDH-Therapeutensuche dabei, eine Praxis in Ihrer Nähe zu finden.

Was können Sie selber tun?

Neben schmerzstillenden und entzündungshemmenden Medikamenten hilft es im Akutfall, das von dem Gichtanfall betroffene Gelenk hoch zu lagern, evtl. Bettruhe einzuhalten (dabei die Bettdecke evtl. nicht auf das empfindliche Gelenk legen), das Gelenk mit Umschlägen zu kühlen, eine leichte, purinarme Kost (s.u.) und eine ausreichende Trinkmenge (ca. 2l/tgl.; während eines Anfalls ca. 3l/tgl. solange keine Niereninsuffizienz vorliegt), am besten Wasser oder Tees, kein Kaffee oder Alkohol.

Eine wichtige Rolle bei der Vermeidung eines weiteren Gichtanfalls spielt die Ernährung. Vermeiden oder reduzieren Sie nach Möglichkeit Lebensmittel mit hohem Puringehalt wie Fleisch, Wurst, Fleischextrakt, Innereien, die Haut von Fisch und Geflügel, Krustentiere, Erbsen, Kohl, Hülsenfrüchte, Spargel u.a. Eine ausgewogene Ernährung trägt darüber hinaus auch dazu bei, mögliches Übergewicht zu reduzieren, die Blutfettwerte und den Blutdruck zu senken. Aber „übertreiben“ Sie es nicht: Eine Nulldiät erhöht bei entsprechender Veranlagung das Risiko eines Gicht-Anfalls! Trinken Sie ausreichend, aber vermeiden Sie Kaffee oder Alkohol (Bier z.B. erhöht den Harnsäurespiegel).

Versuchen Sie zudem, sich regelmäßig zu bewegen und moderat (extreme körperliche Anstrengung kann einen Gichtanfall auslösen!) Sport zu treiben. Wenn Sie unter starkem Übergewicht leiden, beraten Sie Heilpraktiker gerne zu geeigneten, gelenkschonenden Übungen. Auch allgemein abhärtende und entgiftende Maßnahmen wie Trockenbürsten, Wechselduschen oder Saunagänge steigern die Durchblutung, Ableitung und das Wohlbefinden.

Sellerie Suppe in weißem Suppenteller
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Weitere Informationen zum Thema Gicht finden Sie auch bei der Deutschen Rheuma-Liga unter https://www.rheuma-liga.de/

Autoren und Redaktion
Autorin: Kirsten Buschmann, Heilpraktikerin
Redaktion: Ulrich Sümper, Heilpraktiker

Beratung durch
Anita Sprenger-Witte, Heilpraktikerin
Franz-Claas-Straße 6a
33428 Harsewinkel
Tel. 05247 - 40 64 07

Diese Gesundheitsinformation wurde am 13.04.2021 erstellt und wird regelmäßig aktualisiert.