„Polyneuropathie"

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Seit einiger Zeit spürt Helmut häufiger so ein merkwürdiges schmerzhaftes Kribbeln in den Füßen. Manchmal fühlen sie sich aber auch fast taub, irgendwie gefühllos an. Neulich ist er schon völlig überrascht über die Teppichkante gestolpert. Ob das mit seiner langjährigen Diabetes-Erkrankung zusammenhängen kann?

Was ist Polyneuropathie?

Eine Polyneuropathie ist eine nicht verletzungsbedingte Erkrankung mehrerer peripherer Nerven (Nervenfasern außerhalb von Gehirn und Rückenmark), die mit einer Reizleitungsstörung der erkrankten Nerven einhergeht und viele Ursachen haben kann. Betroffen sein können sensible, motorische oder vegetative Nerven (siehe weiter unten), im Extremfall das ganze periphere Nervensystem. Kommt es durch eine Polyneuropathie zur Schädigung sensibler Nerven, zählen zu den typischen Symptomen u.a. Sensibilitätsstörungen („Empfindungsstörungen“ wie Taubheit, Überempfindlichkeit etc.) und Missempfindungen (z.B. „Ameisenkribbeln“, Brennen, Stechen etc.). Häufig sind zunächst die Füße bzw. Beine betroffen, teilweise auch die Hände. Die Beschwerden an den Händen und Füßen treten üblicherweise beidseitig (symmetrisch) und gerne „handschuh“- oder „sockenförmig“ auf. Die Art und Schwere der Symptome ist individuell unterschiedlich

und kann von einem gelegentlichen Kribbeln bis hin zu starken Schmerzen reichen.

Ein (Mit-)Befall von motorischen Nerven kann zu Störungen des Bewegungsablaufs und der Koordination sowie (schlaffen) Lähmungen und Muskelabbau führen, ebenfalls meistens symmetrisch. Bei Beteiligung des vegetativen (unwillkürlichen) Nervensystems können auch Störungen der Organfunktionen wie Hautveränderungen, Verdauungsstörungen, Störungen der Blutdruckregulation, der Magen-, Darm- oder Blasenentleerung, Potenzstörungen oder eine verminderte Schweißsekretion auftreten.

Die Polyneuropathie kann sowohl akut (Krankheitsdauer bis 4 Wochen), subakut (4 bis 8 Wochen) als auch chronisch (länger als 8 Wochen) verlaufen. Betroffen sind v.a. ältere Menschen und Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen.

Ursachen

Über die Hälfte aller Polyneuropathien in Deutschland sind durch Diabetes mellitus  oder dauerhaft erhöhten Alkoholkonsum bzw. Alkoholabhängigkeit verursacht. Die genauen Vorgänge bei der Entstehung sind noch nicht abschließend geklärt. Als Ursache in Frage kommen neben Alkohol, Medikamenten und verschiedenen Giftstoffen auch Stoffwechselstörungen (neben Diabetes

mellitus  z.B. Gicht), Infektionskrankheiten (z.B. Borreliose), Krebserkrankungen (Malignomen), Mangelzustände z.B. durch Fehlernährung oder Störungen bei der Aufnahme von Nährstoffen (Resorptionsstörungen) sowie autoimmune oder genetisch bedingte Prozesse. Bei etwa einem Drittel aller Betroffenen bleibt die Ursache unklar (idiopathisch).

Diagnose und Behandlung

Die Diagnose der Polyneuropathie selbst wird aufgrund verschiedener neurologischer Untersuchungsergebnisse gestellt, für die u.a. Sensibilität, Muskelreflexe, Nervenleitgeschwindigkeit u.v.m. getestet werden. Eine weitere Diagnostik wie z.B. Blutuntersuchungen (auf Entzündungsparameter, Blutzuckerwerte, Antikörper etc.) dienen vor allem dazu, mögliche Ursachen der Nervenschädigung zu erkennen. Therapiert wird - soweit möglich - ursachenspezifisch nach der Grunderkrankung und/oder symptomatisch. Eine gezielte Behandlung ist nur dann möglich, wenn die Ursache der Polyneuropathie gefunden werden konnte. Diese Grunderkrankungen bzw. die damit verbundenen Beschwerden können dann behandelt werden. Dabei kann nicht pauschal vorhergesagt werden, ob durch die Therapie die polyneuropathiebedingten Beschwerden komplett verschwinden, etwas nachlassen oder sich trotzdem verschlechtern, da dieses von zahlreichen Faktoren abhängig ist. Ein Medikament, das „direkt“ gegen die Polyneuropathie wirkt, gibt es bisher nicht.

Was können Heilpraktiker für Sie tun?

Auch hier stehen die Diagnose und Behandlung der ursächlichen Faktoren bzw. die Behandlung der Symptome im Vordergrund. Einem ganzheitlichen Ansatz folgend, nimmt sich Ihre Heilpraktikerin oder Ihr Heilpraktiker Zeit, das gesamte Krankheitsgeschehen im Kontext Ihrer allgemeinen Konstitution und Ihrer Persönlichkeit zu erfassen und einzuordnen, geeignete individuelle Therapien zur Linderung der Symptome sowie mögliche auslösende Faktoren zu finden und so möglichst auch ein weiteres Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern. Mit einer Therapie sollte so früh wie möglich begonnen werden, da sich bereits stärker geschädigte Nerven i.d.R. schlecht/nicht regenerieren.

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Kann der Auslöser der Erkrankung gefunden werden, steht die Behandlung dieser Erkrankung im Vordergrund. Dafür können z.B. Ab- und Ausleitungsverfahren zum Einsatz kommen. Bei Mangelernährung oder Resorptionsstörungen kommt evtl. Ernährungstherapien zum Einsatz. Nach entsprechender Diagnostik kann auch eine gezielte Zufuhr bestimmter Stoffe sinnvoll sein. Liegt z.B. ein Mangel an B-Vitaminen vor, können spezielle Vitamin-B-Präparate z.B. aus der Orthomolekularen Medizin eingesetzt werden. B-Vitamine wirken indirekt schmerzstillend (analgetisch), durchblutungsfördernd und lindernd bei nervenbedingten Schmerzen, sollten allerdings unbedingt nur nach entsprechender Diagnostik und unter fachlicher Begleitung eingesetzt werden! Auch Mittel der Psychotherapie können z.B. die Durchblutung verbessern und damit die Symptome positiv beeinflussen. Stehen hingegen Muskelschwäche oder Gleichgewichtsstörungen im Vordergrund, kann auch eine Physiotherapie oder Osteopathie helfen.

Alle o. g. therapeutischen Maßnahmen stehen hier nur beispielhaft und keineswegs erschöpfend für die vielen Möglichkeiten, die Ihrer Heilpraktikerin oder Ihrem Heilpraktiker zur Verfügung stehen. Die verschiedenen Therapieverfahren stehen entweder als in sich geschlossene Behandlungssysteme oder als Kombinationen einzelner Verfahren zur Verfügung. In Frage kommen z.B.  (alphabetisch):

Wenn Sie unter Polyneuropathie leiden, sprechen Sie mit Ihrer Heilpraktikerin oder Ihrem Heilpraktiker –  sie beraten Sie gerne. Sollten Sie sich besonders für bestimmte Therapien interessieren, hilft Ihnen die BDH-Therapeutensuche dabei, eine Praxis in Ihrer Nähe zu finden.

Was können Sie selber tun?

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Verzichten Sie auf Alkohol und Nikotin, berücksichtigen Sie ggf. die Empfehlungen hinsichtlich Ihrer Grunderkrankung (achten Sie z.B. bei Diabetes mellitus unbedingt auf möglichst stabile, optimal eingestellte Blutzucker-Werte) und versuchen Sie sich vollwertig (gegebenenfalls auch auf Ihre Grunderkrankung abgestimmt) zu ernähren. Nahrungsergänzungsmittel sollten nur nach entsprechender Diagnostik und unter fachlicher Begleitung eingenommen werden, da auch ein Übermaß an bestimmten Vitaminen eine Polyneuropathie begünstigen kann.

Probieren Sie darüber hinaus aus, was Ihnen ganz persönlich gut tut. Wenn sich Ihre Probleme bei kaltem Wetter verschlechtern, passen Sie Ihre Bekleidung entsprechend an, z.B. mit warmem Schuhen, Socken oder Handschuhen. Bei mangelndem Gefühl in den Füßen entfernen Sie Stolperfallen und sorgen Sie für eine möglichst barrierefreie Umgebung, um die Sturzgefahr zu mindern.

Bei verringertem Schmerzempfinden ist es wichtig, auf Verletzungen oder Wunden in den von der Polyneuropathie betroffenen Bereichen zu achten und ggf. z.B. medizinische Fußpflege in Anspruch zu nehmen.

Kommt es durch die Polyneuropathie zu Verdauungsstörungen kann es hilfreich sein, öfter kleine Mahlzeiten zu essen und auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten.

Manche Patienten mit Polyneuropathie können aufgrund ihrer Beschwerden schlecht schlafen. Das kann körperlich und seelisch sehr belastend sein. Das Erlernen von Entspannungstechniken wie Autogenem Training, Progressiver Muskelentspannung nach Jacobson, Tai Qi oder Qi Gong, Yoga  oder von Übungen aus der Atemtherapie kann helfen, mit Schmerzen und anderen Symptomen besser umzugehen und innere Spannungen abzubauen.

Hilfreich kann auch der Kontakt zu anderen Betroffenen sein, z.B. über die Deutsche Polyneuropathie Selbsthilfe e.V.

Autoren und Redaktion
Autorin: Kirsten Buschmann, Heilpraktikerin
Redaktion: Ulrich Sümper, Heilpraktiker

Beratung durch
Anita Sprenger-Witte, Heilpraktikerin
Franz-Claas-Straße 6a
33428 Harsewinkel
Tel. 05247 - 40 64 07

Diese Gesundheitsinformation wurde am 12.04.2021 erstellt und wird regelmäßig aktualisiert.